Es gibt dieses eine ganz bestimmte Gefühl, das einen überkommt, wenn man an Portugals Küste entlangfährt: Das Fenster des Mietwagens steht einen Spaltbreit offen, die salzige Brise des Atlantiks weht herein und in der Ferne mischt sich der Duft von sonnengewärmten Kiefern mit dem Aroma von frisch gegrillten Sardinen. Es ist ein Land, das keine lauten Töne braucht, um zu verzaubern. Portugal schleicht sich leise, aber mit voller Wucht ins Herz.
Die Reise von der sonnenverwöhnten Algarve im tiefen Süden hinauf bis in die lebendige Hauptstadt Lissabon ist vielleicht einer der schönsten Roadtrips, die Europa zu bieten hat. Auf dieser Route begegnen Dir goldene Steilklippen, an denen sich die Wellen des Ozeans brechen, verschlafene weiße Dörfer im weiten Hinterland, uralte Festungen und pulsierendes Großstadtleben. Schnall Dich an und begleite uns auf eine Entdeckungsreise entlang der portugiesischen Sehnsuchtsstraße!

1. Faro – Das Tor zur Algarve
Für die meisten Reisenden ist Faro bloß der Ort, an dem das Flugzeug die Landebahn berührt und von dem aus man schnell zu den bekannten Ferienresorts aufbricht. Doch wer der Hauptstadt der Algarve keine Chance gibt, verpasst ein echtes Juwel.
Faro besitzt eine bezaubernde, von alten Mauern umgebene Altstadt (Cidade Velha). Wenn Du durch den maurischen Bogen Arco da Vila trittst, lässt Du den Trubel hinter Dir und schlenderst über ruhiges Kopfsteinpflaster, vorbei an weiß getünchten Häusern mit bunten Fensterrahmen. Hoch oben auf den Kirchendächern nisten Störche, die gelassen über die Stadt wachen. Direkt vor den Toren der Stadt erstreckt sich zudem der Naturpark Ria Formosa – ein weitläufiges Labyrinth aus Lagunen, Sandbänken und Wasserkanälen, das unzähligen Vogelarten als Heimat dient und sich wunderbar mit kleinen Holzbooten erkunden lässt.
2. Lagos – Strände und Geschichte vereint
Folgt man der Küste nach Westen, erreicht man Lagos – eine der lebendigsten und geschichtsträchtigsten Städte der gesamten Algarve. Lagos war einst der Ausgangspunkt der großen portugiesischen Entdecker, die im 15. Jahrhundert in die damals unbekannte Welt aufbrachen.
Heute begeistert die Stadt mit einem unschlagbaren Mix aus maritimem Erbe, bunten Bars und einer der spektakulärsten Küstenlinien der Erde. Die Rede ist von der Ponta da Piedade: Wind und Wellen haben hier über Jahrtausende bizarre Felsformationen, goldene Höhlen und natürliche Felsbögen aus dem Kalkstein gewaschen. Nach einem Tag an Traumstränden wie der Praia do Camilo oder der weiten Meia Praia genießt man in den kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt fangfrischen Fisch und spürt diesen herrlich entspannten Surfer-Vibe, der die Stadt durchzieht.
3. Sagres – Das Ende der Welt
Am südwestlichsten Punkt des europäischen Festlands ändert sich die Stimmung schlagartig. In Sagres verliert das Mittelmeer endgültig seinen Einfluss und der raue, ungezähmte Atlantik übernimmt das Kommando. Für die Menschen des Mittelalters endete hier buchstäblich die bekannte Welt.
Wenn Du am Cabo de São Vicente auf den gewaltigen, über 60 Meter senkrecht abfallenden Klippen stehst, weht Dir ein unerbittlicher Wind um die Nase. Tief unten donnert die weiße Gischt gegen den Fels, während der dortige Leuchtturm mit einem der stärksten Lichtkegel Europas weit hinaus auf das Meer strahlt. Sagres ist windumtost, archaisch und faszinierend rau. Es ist der Treffpunkt für Surfer aus aller Welt, die in ihren Campingbussen auf der Suche nach der perfekten Welle hierher pilgern.

4. Aljezur – Das grüne Herz der Costa Vicentina
Biegt man bei Sagres nach Norden ab, betritt man den Naturpark der Costa Vicentina – und damit ein völlig anderes Portugal. Fernab des Massentourismus zeigt sich die Natur hier von ihrer wildesten, unberührtesten Seite.
Das Städtchen Aljezur schmiegt sich malerisch an die Hänge eines grünen Tals, überragt von den Ruinen einer maurischen Burg aus dem 10. Jahrhundert. Aljezur ist berühmt für seine süßen Kartoffeln (Batata Doce) und seinen alternativen, naturverbundenen Lebensstil. Die nahegelegenen Strände wie Praia da Arrifana oder Praia do Amado liegen eingebettet zwischen dunklen Schieferklippen und wirken selbst im Hochsommer herrlich weitläufig und frei. Wer Natur pur, einsame Wanderwege auf der Rota Vicentina und ehrliche Ruhe sucht, wird Aljezur lieben.
5. Portimão & Praia da Rocha – Lebensfreude pur
Wer nach all der rauen Natur wieder Lust auf pulsierendes Leben, weite Sandflächen und lebhafte Sommerabende hat, biegt an der Südküste nach Portimão ab. Die zweitgrößte Stadt der Algarve ist vor allem für zwei Dinge weltbekannt: ihre Sardinen und ihren Vorzeigestrand.
Die Praia da Rocha ist ein gigantischer, breiter Sandstrand, der von ockerfarbenen Klippen geschützt wird. Tagsüber sonnt man sich im feinen Sand, während sich abends die belebte Promenade oberhalb der Felsen mit Menschen füllt. Die Atmosphäre ist unbeschwert, fröhlich und lebendig. Im Hafenviertel von Portimão sollte man sich unbedingt in eines der einfachen Restaurants an der Kaimauer setzen: Hier wird die Sardinha Assada traditionell über Holzkohle gegrillt, auf einer dicken Scheibe Landbrot serviert und mit einem kühlen Glas Wein genossen – portugiesisches Soulfood in Reinkultur.
6. Silves – Historisches Flair im Hinterland
Nur wenige Kilometer landeinwärts von der Küste entfernt, umgeben von duftenden Orangen- und Zitronenhainen, liegt Silves. Schon bei der Anfahrt fällt der Blick auf die monumentale Festung aus rotem Sandstein (Castelo de Silves), die mächtig über der Stadt thront.
Silves war im Mittelalter die stolze maurische Hauptstadt der Region und ein bedeutendes kulturelles Zentrum. Beim Spaziergang durch die steilen Gassen hinauf zur Burg spürt man diesen orientalischen Hauch bis heute. Oben angekommen, belohnen die wehrhaften Zinnen mit einem spektakulären Rundumblick über das fruchtbare Flusstal des Rio Arade. Silves ist der perfekte Ort, um für ein paar Stunden die Seele baumeln zu lassen, die Kühle der alten Mauern zu genießen und in das reiche historische Erbe des Landes einzutauchen.
7. Évora – UNESCO-Weltkulturerbe im Alentejo
Auf dem Weg nach Norden durchquert man die Region Alentejo – das weite, goldgelbe Herz Portugals. Hier scheinen die Uhren noch ein ganzes Stück langsamer zu ticken. Die Landschaft ist geprägt von sanften Hügeln, knorrigen Korkeichen, Olivenbäumen und weiß getünchten Landgütern.
Das unbestrittene Kronjuwel dieser Region ist Évora. Die gesamte Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und gleicht einem lebendigen Geschichtsbuch: Mitten im Zentrum stehen die erstaunlich gut erhaltenen Säulen eines römischen Tempels aus dem 1. Jahrhundert. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die leicht schaurige, aber faszinierende Knochenkapelle (Capela dos Ossos), deren Wände mit menschlichen Gebeinen verziert sind. Évora lädt zum Verweilen ein: Setz Dich auf den Praça do Giraldo, probiere den schweren alentejanischen Rotwein und genieße den typischen regionalen Schafskäse.

8. Setúbal & die Halbinsel Tróia – Naturgenuss und Delfine
Bevor man Lissabon erreicht, lohnt sich ein Abstecher an die Mündung des Flusses Sado. Hier liegt die geschäftige Hafenstadt Setúbal, eingebettet zwischen dem üppig grünen Gebirgszug der Serra da Arrábida und dem ruhigen Flussdelta.
Setúbal ist bekannt für seinen legendären Fischmarkt und eine Spezialität, an der kein Feinschmecker vorbeikommt: Choco Frito, herrlich zarter, frittierter Tintenfisch. Doch die Region hält noch ein ganz anderes Wunder bereit: Im Mündungstrichter des Sado lebt eine feste Kolonie von Großen Tümmlern. Mit einem Boot kann man hinausfahren und die Delfine beobachten, wie sie durch das glasklare Wasser gleiten. Auf der gegenüberliegenden Halbinsel Tróia warten kilometerlange, weiße Sandstrände, die fast karibisch anmuten.
9. Lissabon – Die charmante Hauptstadt am Tejo
Und dann erreichst Du sie: Lissabon, die Königin am Tejo. Auf sieben sanften Hügeln erbaut, begrüßt Dich die portugiesische Hauptstadt mit einem ganz besonderen, weichen Atlantiklicht, das sich in den glänzenden Wandfliesen (Azulejos) der Häuserzeilen spiegelt.
Lissabon verzaubert durch seine Gegensätze: Ratter in der historischen gelben Straßenbahn 28 durch die steilen Kurven der Alfama, lausche am Abend in einer kleinen Schenke dem wehmütigen Klang des Fado und genieße an den zahlreichen Miradouros den Sonnenuntergang über dem Fluss. Bestelle Dir im Stadtteil Belém die berühmten, noch warmen Blätterteigtörtchen Pastéis de Nata mit Zimt und schlendere durch das trendige Viertel Bairro Alto. Lissabon ist nicht bloß eine Stadt – es ist ein Gefühl von Weltoffenheit, Nostalgie (Saudade) und ansteckender Lebensfreude.
10. Fazit
Eine Reise von der Algarve bis nach Lissabon ist weit mehr als nur das Aneinanderreihen schöner Urlaubsorte. Es ist ein Eintauchen in eine Kultur, die sich durch tief empfundene Gelassenheit, echte Gastfreundschaft und eine tiefe Liebe zum Meer auszeichnet.
Auf dieser Route erlebst Du Portugal in all seinen facettenreichen Schattierungen: von den goldenen Klippen des Südens über die Weite des Alentejo bis hin zur zeitlosen Eleganz der Hauptstadt. Pack Deinen Koffer, lass Dich vom Rhythmus des Landes treiben und nimm Dir vor allem Zeit. Denn die schönsten Momente in Portugal sind oft die ungeplanten – bei einem Kaffee auf einer kleinen Dorf-Piazza, während die Sonne langsam hinter den Pinien versinkt. Boa viagem!





